Grey Man

Ich schreibe immer wieder Kurzgeschichten, da es mit Büchern einfach noch nicht klappen will, und hier ist eine davon.

Ich bin grau. Die anderen sind nicht grau. Sie verstehen mich nicht, und sie interessieren sich auch nicht für mich. Ich bin anders, wogegen auch die mitleidigen Blicke nichts helfen, die sie mir auf der Straße zuwerfen. Vielleicht haben sie Mitleid mit mir, trotzdem wollen sie nichts mit mir zu tun haben. Sie werden immer mit dem Finger auf mich zeigen und sagen: „ Schaut! Da ist er, der graue Mann, der den ganzen Tag auf der Straße herumhängt und mit niemanden etwas zu tun haben will!“ Ja, so wird die Zukunft sein, und noch anders. Die Menschen flohen schon immer vor Andersartigkeit. Sie hielten Andersartigkeit für einen Dämon, der die Menschheit besetzen wollte. Wie dumm sie doch waren.

Aber kommen wir nochmal zum springenden Punkt zurück: Ich bin grau. Wie grau? Grau angezogen? Okay, das sind andere auch. Aber nein, ich bin so richtig grau. Jeden Morgen, wenn ich bin den Spiegel sehe, sehe ich einen Mann, ca. 50, kurze grau-weiße Haare, graue Haut. Ja, genau: graue Haut! Ich sehe jemanden, der von der Gesellschaft nie so akzeptiert werden wird, wie er ist. Sie versuchen, ihm auf klägliche Art und Weise zu helfen, wie einem Kind, das den Buntstift nicht richtig in der Hand hält. Sie glauben, dass sich dadurch irgendwas ändern könnte, dass sie etwas bewirken. Aber so ist es nicht, denn ich bin nicht besonders gerne der Mensch, der ich bin, bin aber noch weniger gerne ein Mensch, der sich selbst in die eigene Tasche lügt. Und ich habe es auch nicht gerne, wenn mich andere belügen, doch das tun sie jeden Tag. Denn jedes Mal, wenn sie behaupten, dass nur das Innere zählt, wird mir klar, dass sie das nur sagen, weil dass Äußere so viel zählt. Und aufgrund meines Äußeren bin ich völlig allein. Da tun sie alle so scheinheilig, aber nur, um später damit prahlen zu können. In Wirklichkeit will doch niemand etwas mit einem alten Tattergreis wie mir etwas zu tun haben. Sie glauben, durch ihre ‚Hilfe’ alles zu Besseren zu wenden, doch die, die die ‚Hilfe‘ bekommen, fühlen sich nur noch ausgestoßener wenn sie behandelt werden wie dreijährige Kinder.

Vielleicht ist es auch besser, in die Welt gar nicht erst einzusehen, bevor sie einem mit einem so erbärmlich mitleidigen Blick ansieht, bei dem man sich wieder vorkommt wie ein auf den Kopf gefallenes Kleinkind. Aber so sind die Menschen nun mal. Immer zuerst die anderen kritisieren, und sich später erst um seine eigenen Fehler kümmern. Dabei fallen einem die eigenen Fehler bei anderen ja am meisten auf. Alle sagen, es sind nur die Eigenschaften, die einem ausmachen, dabei sind die Fehler in unserem System unsere größten Persönlichkeitsmerkmale. Und doch hassen die Menschen die Fehler so sehr. Heißt das, dass wir damit auch uns selbst hassen? Vielleicht. Die Menschen sagen immer, man solle seine Fehler akzeptieren, und man selbst sein, doch genau das ist es doch, was unsere Gesellschafft ablehnt! Unsere Fehler. Uns. Und das ja auch nur, weil sie sich nicht damit abfinden können, dass sie nun einmal nicht perfekt sind. Dabei wäre das doch der größte Fehler, wenn wir perfekt wären, oder nicht? Aber was sage ich, perfekt ist doch relativ, oder nicht? Perfekt ist angeblich jeder, so wie er ist, aber stimmt das so wirklich? Ich weiß es nicht. Noch ein Fehler. Aber ist meine Hautfarbe auch ein Fehler? Wahrscheinlich schon, den anderen nach zu urteilen. Und so kann ich nicht leben. Ich kann damit nicht leben, wenn meine Hautfarbe ein Fehler ist. Deshalb finde ich, die Welt ist besser dran ohne mich. Ohne einen mürrischen, alten Tattergreis. „Auf Wiedersehen, Welt!“, sage ich, noch während ich falle. Ich falle ins Nichts, sause immer weiter hinunter, in die schwerelose Leere.

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